Das Panorama eines Werkes

Darstellungen menschlicher Körper sind für die meisten Menschen einfach zu konsumieren, weil wir uns als Betrachter auf eine geheime Weise doch immer selbst darin zu erkennen vermögen. Noch näher sind uns Portraits, weil sie Befindlichkeiten zeigen. Im Wesen der Kunst Christine Hubers liegt es, in der äußeren Anschauung innere Befindlichkeiten darzustellen. Eine Kunst, die sich dem Thema des Menschenbildes widmet, gehört zu den kulturellen Instrumenten, welche die Tiefgründigkeit und die Vielschichtigkeit des Menschen als unabweisbare Gegebenheiten zeigen und lesbar machen.

Die bildliche, zur Darstellung gebrachte Einheit von innen und außen manifestiert sich in der Gestalt des Menschen, also im Bildnis, im Portrait am deutlichsten. Die vordergründige Ähnlichkeit von Bild und Modell ist dabei nicht das erklärte Ziel der Malerei Christine Hubers – ein Effekt, der vielleicht etwas mit dem Können und dem Handwerk zu tun hat. Die leicht lesbare Ähnlichkeit verschleiert aber nur kurz den wahren Grund der Anfertigung eines Portraits etwa. So zeigt ein gelungenes Werk immer menschliche Tiefe.

Gerade hier arbeitet und forscht Christine Huber. Ihre großformatigen Gemälde sind Dokumente eines äußeren wie inneren Gelingens ihrer Kunst, das in der breiten malerischen Behandlung der Leinwände genauso zum Ausdruck kommt wie in der feinen farblichen Akzentuierung der Bildfläche und der ausgewogenen Dramatik ihrer Komposition.

Die Künstlerin hat sich damit ein prägendes Genre der abendländischen Mal-Tradition erobert. Darin findet sie sowohl ihre eigenständige Vorgehensweise, ihren persönlichen Stil als auch den offenen, unverstellten Blick auf das Motiv. Bei diesen Bildgegenständen, ihren Modellen und Motiven, gelingt ihr neben der psychologischen Tiefe auch der Ausdruck eines feinsinnigen hintergründigen Humors, der sich aus ihrer Beziehung zum Modell entwickelt hat und sich auf die langjährige Erfahrung mit ihrem Handwerk gründet.

Eine ganz besondere Note dieses Humors finden wir in der Hinwendung zu den frechen und scheinbar neuen Motiven der Kühe. Dabei darf aber die in der Südwestdeutschen Mal-Tradition eingebettete ländlich-arkadische Motivik, die zum Beispiel auf Hans Thoma oder Theodor Schüz zurückgeht, nicht übersehen werden. Sowohl diese Tradition als auch der Blick Christine Hubers richtet sich auf das allgemeine Wesen des gleichsam göttlichen Waltens in der Natur, das hintergründig und unbewusst in dieser Tradition immer mitwirkt.

Christine Hubers Gewinn für uns - die heutigen Betrachter - ist die bei diesem Humor ansetzende künstlerische Haltung, die auch den Kühen in ihrer Malerei einen bedeutenden Platz zuweist und damit die Aufmerksamkeit der Bildbetrachter auf die belebte Natur und ihre Geschöpfe richtet. In dieser Haltung, die nun neben den Menschen auch Tiere ins Panorama ihres Werkes mit aufnimmt, macht sich auch ein Wiederkennen der Naturkräfte in der Kunst durch den Menschen kenntlich.

Das Außerordentliche dieser Kuh-Bilder liegt im malerischen Geschick der Künstlerin und in ihrer durch lange Jahre Tätigkeit erworbene Kompetenz, auch hier individuelle Züge wie bei den Bildnissen zu bestimmen und eine Kuh als Charakter zu zeigen, anders gesagt, Kühe als Persönlichkeiten zu charakterisieren.

Dies ist das besondere Verdienst an Christine Hubers Malerei, dieses zweite Wiedererkennen der Natur in beidem, sowohl in den Menschen als auch in den Tieren. In dieser mehr oder weniger unbewussten Hinwendung zur alles durchwaltenden Natur bekundet sich jedoch auch eine Öffnung ihres Werkes. Im neu erklärten Bildgegenstand der Kühe hat sich Christine Huber ganz bewusst einen neuen und vielversprechenden Schaffenskreis erschlossen.



© Christine Huber 2012


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